Ob nach Goldrausch, Krieg oder Wirtschaftskrise – viele Orte rund um den Globus wurden aufgegeben und dem Verfall überlassen. Doch so mancher verlassener Ort erlebt ein erstaunliches Comeback: als Künstleroase, Kurort oder liebevoll restauriertes Dorf mit Geschichte.
Von gespenstischer Stille zu pulsierendem Leben: Sehen Sie hier elf Geisterstädte, die heute in neuem Glanz erstrahlen…
Adaptiert von Alina Halbe
Das staubige Städtchen Terlingua entstand Ende des 19. Jahrhunderts am Rande des Big-Bend-Nationalparks aus dem Nichts. Man fand hier Zinnober, ein rotes Quecksilbererz, aus dem Quecksilber gewonnen wird. Weil diese Funde schnellen Reichtum versprachen, lebten zu Hochzeiten rund 2.000 Bergleute mit ihren Familien dort. Es gab einen sogenannten Company Store, der den Arbeitern und ihren Familien alles verkaufte, was sie zum Leben brauchten – von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Werkzeugen, außerdem eine Schule und ganze Reihen aus Lehmhäusern.
Doch als die Chisos Mining Company 1942 bankrottging und der Quecksilberpreis abstürzte, war es mit dem Boom vorbei. Die Bewohner zogen fort, und in den 1960er-Jahren war Terlingua nur noch eine Geisterstadt mit zerfallenen Häusern und fast unheimlicher Stille.
In den 1990er-Jahren kaufte die Archäologin Cynta de Narvaez eine dieser verfallenen Ruinen und verwandelte sie mit viel Geduld und Liebe zum Detail in die Villa Terlingua – ein charmantes Boutique-Anwesen, das heute Gäste und Künstler beherbergt.
Ihr Projekt war der Auslöser für ein kleines Wunder: Immer mehr Unternehmer und Träumer zog es hierher, um sich in der rauen Landschaft ein neues Leben aufzubauen. Berühmt wurde Terlingua zudem für sein Chili-Festival, das jedes Jahr Tausende Besucher mit scharfen Rezepten, Livemusik und Tanz unter dem Sternenhimmel lockt. Aus der stillen Geisterstadt ist mittlerweile ein lebendiger, wunderbar eigenwilliger Wüstenort geworden.
Die uralten Höhlenwohnungen von Matera, die sogenannten Sassi, boten einst Tausenden Menschen ein Zuhause – allerdings unter beengten und oft unhygienischen Bedingungen. Mitte des 20. Jahrhunderts waren Armut, Krankheiten und eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit so verbreitet, dass die italienische Regierung Matera als „Schande Italiens“ bezeichnete.
1952 wurden die Familien zwangsweise in neue Wohnsiedlungen umgesiedelt. Zurück blieben die jahrhundertealten Höhlenviertel – verlassen, verfallen und vom Einsturz bedroht.
Ab den 1980er-Jahren begann dann aber eine neue Ära für Matera: Schritt für Schritt wurden die uralten Höhlen restauriert und wieder zum Leben erweckt. Die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 1993 und der Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2019 beschleunigten diesen Wandel. Denn aus den einst verfallenen Grotten wurden stimmungsvolle Restaurants, Galerien und schicke Boutique-Hotels.
Eines davon ist das Corte San Pietro (im Bild) – ein Höhlenhotel, das den unverwechselbaren Charme Materas auf eindrucksvolle Weise einfängt.
1910 von Schweden gegründet und 1927 an die Sowjetunion verkauft, entwickelte sich der Ort Pyramiden zunächst zu einer Musterstadt im hohen Norden – mit Kulturzentrum, Sporthalle, Schwimmbad und der nördlichsten Lenin-Statue der Welt.
In den 1980er-Jahren lebten hier mehr als 1.000 Menschen. Doch als der Kohleabbau 1998 eingestellt wurde, verließen die Bewohner den Ort fast über Nacht. Zurück blieb eine perfekt erhaltene sowjetische Siedlung – eingefroren im ewigen Eis.
Heute existiert Pyramiden als Geisterstadt mit besonderem Charme weiter. Das russische Unternehmen Trust Arktikugol hat den Hafen wieder geöffnet und das örtliche Hotel (im Bild) renoviert – es bietet heute in der Saison Übernachtungen, eine Bar und Führungen durch die gespenstischen Überreste der Schule, des Theaters und der Gemeinschaftskantine an.
Einige Hausmeister leben das ganze Jahr über hier und halten die Infrastruktur am Laufen. Für abenteuerlustige Reisende ist Pyramiden sowohl Denkmal als auch Zeitkapsel – und zwar eine, die einen surrealen Einblick in das sowjetische Leben jenseits des Polarkreises bietet.
Barkerville entstand 1862 praktisch über Nacht, als der Cariboo-Goldrausch den Westen Kanadas erfasste. Dieser Boom zog Tausende Abenteurer in den abgelegenen Cariboo Regional District in der damals noch britischen Kolonie British Columbia. Zu Hochzeiten drängten sich rund 5.000 Menschen auf den hölzernen Gehwegen der Stadt. Doch als das Gold zur Neige ging, verschwanden auch die Menschen.
Brände, Schließungen und Abwanderung taten ihr Übriges – und aus der einst geschäftigen Stadt wurde eine verlassene Ansammlung von Gebäuden, die langsam in der Wildnis versanken.
In den 1950er-Jahren wurde Barkerville dann doch vor dem endgültigen Verfall gerettet: Denn heute ist die einstige Goldrauschstadt ein lebendiges Freilichtmuseum. Schauspieler, Handwerker und Einwohner, die nur für eine Saison hierherkommen, lassen die Zeit des Goldrauschs wiederaufleben: In der Schmiede klirrt Metall, in den Läden wird gehandelt, und die Pensionen empfangen Gäste wie einst.
So ist Barkerville heute zugleich eine funktionierende Gemeinschaft und eines der faszinierendsten historischen Reiseziele Kanadas – ein Ort, an dem Geschichte nicht nur erzählt, sondern hautnah erlebt wird.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Gwalia eine blühende Goldgräberstadt mit rund 1.200 Einwohnern und einer der tiefsten Minen Australiens. Doch als die Mine 1963 plötzlich geschlossen wurde, verließen fast alle Bewohner den Ort innerhalb weniger Tage.
Zurück blieben verlassene Häuser – samt Möbeln, Geschirr und persönlichen Dingen. Das sorgte für eine gespenstische Atmosphäre, die wie in der Zeit eingefroren wirkte.
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Heute sorgen einige wenige Bewohner dafür, dass Gwalia zumindest etwas belebter ist. Engagierte Freiwillige haben das Gwalia Museum zu neuem Leben erweckt, Arbeiterhäuser liebevoll restauriert und dabei das geheimnisvolle Flair des alten Goldcamps bewahrt.
Im Zentrum steht das Hoover House, das 1897 vom damaligen Minenleiter Herbert Hoover entworfen wurde. Es ist übrigens derselbe Herbert Hoover, der später der 31. Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Heute beherbergt das Gebäude ein Besucherzentrum und ein kleines Boutique-Hotel – es ist quasi das Herz dieses außergewöhnlichen historischen Reiseziels.
Auf einem bröckelnden Felsen aus vulkanischem Tuffstein thront Civita di Bagnoregio – bekannt als „die sterbende Stadt“. Ständige Erdrutsche und Erosion machten den Ort immer instabiler, weshalb die Bewohner anderswo nach sichereren Lebensbedingungen und besserer Versorgung suchten.
Ende des 20. Jahrhunderts lebten nur noch ein Dutzend Menschen in den mittelalterlichen Gassen, die nur über eine lange Fußgängerbrücke erreichbar sind. Einst belebte Plätze lagen still, und das Überleben der Stadt schien kaum noch möglich.
Die Wende kam 2013, als die Gemeinde eine kleine Eintrittsgebühr für die Brücke einführte – die Einnahmen fließen seither in die Instandhaltung und Felsstabilisierung. Damit wurde Civita di Bagnoregio zu einem kontrolliert zugänglichen Reiseziel, dessen Besucher gleichzeitig zum Erhalt dieses fragilen Ortes beitragen.
Inzwischen diente das Städtchen mehrfach als Filmkulisse, was ihm natürlich zusätzlichen Glanz verlieh. Zudem ist eine mögliche Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste im Gespräch. Heute leben hier zwar weniger als 20 Menschen, doch Civita di Bagnoregio gilt als Vorzeigebeispiel für nachhaltigen Kulturtourismus. Der Ort ist ein lebendiges Symbol dafür, dass selbst einer „sterbenden Stadt“ neues Leben eingehaucht werden kann.
Walhalla, hier im Bild im Jahr 1960 zu sehen, war einst eine der wohlhabendsten Goldgräberstädte Australiens. Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier rund 4.000 Menschen, es gab zehn Hotels und ein reges Stadtleben.
Doch bis in die 1950er-Jahre war der Goldrausch längst Geschichte – der letzte Bewohner zog fort, und von Walhalla blieben nur noch ein paar Ruinen mitten im Buschland übrig.
Heute zählt Walhalla wieder rund 20 dauerhafte Bewohner – und erstrahlt dank des Tourismus in neuem Glanz. Die Einwohner haben den alten Musikpavillon, die Feuerwache und sogar die historische Bahnstrecke restauriert, die seit 1994 wieder in Betrieb ist und sich auf einer malerischen Route durch die Berge schlängelt.
Besucher können die Long Tunnel Extended Gold Mine erkunden, durch die alten Arbeiterhäuser spazieren oder in gemütlichen Bed & Breakfasts übernachten.
Der Industrielle David Dale gründete New Lanark im Jahr 1785. Von da an entwickelte es sich zu einem stattlichen Ort am Ufer des schottischen Flusses Clyde, wo vor allem Baumwolle gesponnen wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Ort dann unter dem Sozialreformer Robert Owen berühmt, der fortschrittliche Ideen wie Arbeiterwohnungen und ein Schulsystem einführte.
Doch als die Fabriken 1968 schlossen, zogen die Arbeiter fort – und der einst blühende Ort mit seinen georgianischen Steingebäuden verfiel zusehends. In den 1970er-Jahren dachte man sogar über den Abriss nach und der Ort, der einst als Symbol für industrielle Innovation stand, war kurz davor, in Vergessenheit zu geraten.
Der 1974 gegründete New Lanark Trust leitete dann allerdings eine Restaurierung des historischen Dorfs ein. Heute leben hier wieder Menschen – zwischen liebevoll instand gesetzten Wohnhäusern, einem Besucherzentrum, einem Hotel und einem eigenen Wasserkraftwerk.
Als UNESCO-Welterbestätte ist New Lanark heute sowohl eine lebendige Gemeinschaft als auch ein Vorzeigebeispiel dafür, dass sich Vergangenheit und Zukunft harmonisch verbinden lassen.
Anfang der 1990er-Jahre wurde Mostars Altstadt vom Krieg erschüttert. Das Wahrzeichen der Stadt – der steinerne Bogen der Stari Most („Alte Brücke“) aus dem 16. Jahrhundert – wurde 1993 unter Beschuss zerstört und stürzte in die Neretva, den bedeutendsten Fluss der Region Herzegowina.
Tausende Bewohner flohen oder wurden vertrieben und die Gassen aus osmanischer Zeit lagen in Trümmern.
Mit Unterstützung der UNESCO, der Weltbank und mehrerer europäischer Länder wurde die Stari Most bis 2004 originalgetreu wiederaufgebaut. 2005 nahm die UNESCO die Altstadt in ihre Welterbeliste auf.
Heute pulsiert auf Mostars Kopfsteinpflastergassen wieder das Leben – mit Cafés, Märkten und kleinen Geschäften. Das jährliche Brückenspringen an der Stari Most ist inzwischen eine der lebhaftesten Traditionen der Stadt. Dabei springen Mutige unter den Augen zahlreicher Zuschauer aus aller Welt etwa 20 Meter tief in die kalte Neretva.
Zu Sowjetzeiten war Zqaltubo ein glamouröser Kurort, der mit seinen Heilbädern und prächtigen Sanatorien Tausende Besucher anzog. Doch nach dem Zerfall der UdSSR schlossen die Einrichtungen, und die Stadt verfiel.
In den einst prunkvollen Sälen blätterte der Putz, während vertriebene Familien aus Abchasien, einer an das Schwarze Meer grenzenden Region im Süden des Kaukasus, in den Ruinen Zuflucht suchten.
Heute erwacht Zqaltubo langsam wieder zum Leben. Das eindrucksvolle Legends Tskaltubo Spa Resort (im Bild) – einst ein Sanatorium der Sowjetarmee – wurde renoviert und 2011 als Vier-Sterne-Hotel mit moderner Wellnessanlage in seinen historischen Sälen wiedereröffnet.
Auch andere Sanatorien werden inzwischen für künftige Restaurierungen vorbereitet, während neue Wohnhäuser es den vertriebenen Familien ermöglichen, die Ruinen zu verlassen. Schritt für Schritt findet Zqaltubo so zu seiner alten Bestimmung zurück – als lebendiger Kurort mit Geschichte.
Die Kleinstadt Jerome liegt auf dem Cleopatra Hill und war mit 15.000 Einwohnern einst ein florierendes Zentrum des Kupferbergbaus. Doch als die dortige Phelps-Dodge-Mine Anfang der 1950er-Jahre geschlossen wurde, brach die Bevölkerung dramatisch ein – und Jerome wurde zu einer der bekanntesten Geisterstädte Arizonas. Viele der hölzernen Häuser rutschten den Hang hinab ins Tal.
Auf diesem Foto ist die Stadt im Jahr 1960 zu sehen.
Ab den 1960er-Jahren zogen Künstler, Musiker und Freigeister nach Jerome – angelockt von niedrigen Mieten und der besonderen Atmosphäre inmitten der Ruinen. In den alten Minenhäusern eröffneten sie Ateliers, Cafés und Galerien und verwandelten die einstige Geisterstadt nach und nach in eine kreative Enklave.
Heute leben hier rund 450 Menschen dauerhaft und betreiben kleine Hotels, Restaurants und eine der pulsierendsten Kunstszenen in Arizonas Kleinstädten. Einst verlassen und dem Einsturz nahe, ist Jerome heute eine eigenwillige Berggemeinde mit ausgeprägtem kulturellen Flair.
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